Lockstöcke zur Sicherung der biologischen Vielfalt

Peter Schneider mit seinem Enkel am Lockstock
Wildkatze am Lockstock

In den Wintermonaten ab Januar gehen Aktive des BUND Südhardt und der Initiativgruppe Storch und Natur aus Elchesheim-Illingen auf die Jagd. Dabei benutzen sie allerdings keine Waffen sondern einen simplen Holzpflock. Dieser wird in Abstimmung mit den örtlichen Revierleitern in gut strukturierten Waldbeständen in den Boden geschlagen und dann mit einer Baldrian-Tinktur eingesprüht. Seit drei Jahren wird dieses seltsame Unterfangen nun jeden Winter von zahlreichen Naturschützern rund um Karlsruhe und Rastatt durchgeführt.

Wer wird gesucht: es ist die Wildkatze, scheue und nachtaktive Bewohnerin unserer Wälder, die sich still und heimlich bei uns ihren ursprünglichen Lebensraum zurückerobert. „Die Region Mittlerer Oberrhein ist in Baden-Württemberg ein Verbreitungsschwerpunkt der Art“ betont Hartmut Weinrebe vom BUND Regionalverband. Zusammen mit Ulrike Bertram und der BUND Wildkatzenbeauftragten Julia Taubmann koordinieren sie die Aktion. Nachdem schon länger stabile Vorkommen der Wildkatze aus Rheinland-Pfalz und dem Kaiserstuhl bekannt sind, fand aus diesen Gebieten wohl die Zuwanderung in unseren Raum statt.

In den Bereichen Elchesheim-Illingen, Bietigheim und Rastatt-Plittersdorf sind es Dagmar Mockert, Peter Schneider und Doris Merkel, die ihre sonntäglichen Spaziergänge zu den Standorten der Wildkatzenlockstöcke lenken. Dabei prüfen sie die Stöcke auf Haare, die während der winterlichen Paarungszeit von den Kudern, den männnlichen Katzen, zur Reviermarkierung an den wohlriechenden, leicht aufgerauhten Pflöcken durch Reiben verbleiben. Diese Haare werden mit einer Pinzette abgesammelt, in sterilen speziellen Umschlägen verpackt und dann zur DNA-Untersuchung ins Labor geschickt. Nur so lässt sich zweifelsfrei feststellen, ob die Haare einer Wildkatze entstammen.

Nachdem dieser Nachweis im letzten Jahr für den Raum Elchesheim-Illingen gelang und sich auch in diesem Jahr regelmäßig Spuren am Lockstock finden ließen, wollte es Peter Schneider genau wissen. Er besorgte sich eine auf Bewegung reagierende Nachtsichtkamera und installierte sie in der Nähe des Lockstockes. Und tatsächlich, beim Auswerten der Bilder am heimischen Computer war sie zu sehen: eine Wildkatze, beim genüsslichen Reiben am aufgestellten Stock. Deutlich zu erkennen am typischen Aalstrich auf dem Rücken, der verwaschenen Tigerung und der Musterung des Schwanzes. Nach diesen äußeren Merkmalen eigentlich klar erkennbar, werden aber erst die Laboruntersuchungen am Forschungsinstitut Senckenberg letzte Sicherheit geben.

Aber für alle Beteiligte ist klar: Nachdem im letzten Jahr von 24 untersuchten Proben 16 positive Nachweise gelangen, ist davon auszugehen, dass die Europäische Wildkatze in unseren Wäldern wieder heimisch geworden ist. Nun heißt es geeignete Maßnahmen zu treffen, um die Art zu schützen, aber auch um ihre Ausbreitung in andere Landesteile zu fördern. Ein Instrument dabei ist das Flurneuordnungsverfahren Durmersheim auf der Hardt. Dabei werden für die Wildkatze geeignete Wanderkorridore angelegt, so dass eine Expansion von der Rheinebene in den Schwarzwald ermöglicht wird.

Mittlerweile sind die Aktivitäten rund um die Wildkatze in ein bundesweites Projekt, genannt „Wildkatzensprung“, eingebunden. Dieses wird im Rahmen des Bundesprogrammes „Biologische Vielfalt“ vom Bundesamt für Naturschutz gefördert. Es ist Teil einer übergeordneten Zukunftsvision, dem „Rettungsnetz Wildkatze“. Angestrebt wird ein Netz von über 20.000 km grüner Korridore innerhalb des Waldes, um der Art ein ungestörtes Wandern zu ermöglichen. Nur so ist das langfristige Überleben der Wildkatze in ganz Deutschland gesichert.

Wege für Wildkatzen!

Wildkatzen können jetzt wandern: Waldtiere im Land bekommen ersten grünen Korridor

Der erste Wildkatzen-Korridor Baden-Württembergs liegt im Landkreis Rastatt und verbindet die Rheinauewälder, den Hardtwald und den Schwarzwald miteinander. Er ist durch die ersten Flurneuordnungsverfahren im Land entstanden, in denen ausdrücklich der Wildkatzenwegeplan des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) umgesetzt wird. Die Verfahren waren bereits Ende der 1990er Jahre angeordnet worden, um Flächen für die Verlegung der B 36 und den Ausbau der Neubaustrecke der Deutschen Bahn AG zu gewinnen. Für den Wildkatzenwegeplan ermittelte der Natur- und Umweltschutzverband in ganz Deutschland Wege, durch die Arten wie die Wildkatze wandern könnten. Sie dienen als Planungsgrundlage, um die Landschaft für Tiere des Waldes wieder durchlässiger zu gestalten. „Der rund 100 Hektar große Biotopkorridor bei Rastatt von dem zirka 15 Hektar im Flurneuordnungsverfahren Durmersheim (B36/DB) liegen, ist ein wichtiger erster Schritt, um den Wildkatzen die Möglichkeit zu bieten, die oberrheinische Tiefebene in west-östlicher Richtung zu durchwandern“, erklärte der BUND-Landesgeschäftsführer Berthold Frieß: „Bisher konnten waldgebundene Wildtiere die Fläche kaum durchqueren: die freie Ackerlandschaft ohne nennenswerte Deckung und die dichte Besiedelung sowie insbesondere mehrere Verkehrsachsen in Nord-Süd-Richtung erschweren die Ausbreitung sensibler Wildtiere wie der Wildkatze. Die Flurneuordnung ist mit dieser Korridor-Planung mit gutem Beispiel vorangegangen. Nun müssen die Bahn AG und die Bundesstraßenverwaltung ihren Teil beisteuern, um die starke Zerschneidung durch die A 5, B36 und die neue Rheintalbahntrasse für Wildkatze & Co querbar zu gestalten. Nur über zusätzliche Grünbrücken und entsprechend gestaltete Durchlässe ist eine sichere Ausbreitung von Wildtieren in Richtung Nordschwarzwald möglich.“

Die beteiligten Flurbereinigungsverfahren betreffen gleich drei Gemeinden: Durmersheim, Bietigheim und Ötigheim. Über alle drei Verfahren wurde ein ökologisches Gesamtkonzept erarbeitet, welches in den einzelnen Verfahren dann im Wege- und Gewässerplan spezifiziert wurde. Durch dieses ökologische Gesamtkonzept wurde eine Vernetzung der landschaftspflegerischen Maßnahmen über alle drei Verfahren sichergestellt.

Vertreter der Flurbereinigungsbehörde des Landratsamtes Rastatt, des Landesamts für Geoinformation und Landentwicklung und des BUND waren heute dabei, als für das Verfahren Durmersheim (B36/DB) Bürgermeister Augustin die Genehmigung des Wege- und Gewässerplans überreicht wurde. „Auf der Grundlage eines ökologischen Gesamtkonzepts, das im Auftrag der Flurbereinigungsbehörde vom Landschaftsplanungsbüro Jenne aus Bad Krozingen erstellt wurde, konnten die Ausgleichsflächen der Unternehmensträger mit den Ausgleichsflächen der Flurneuordnung so miteinander vernetzt werden, dass ausreichend große Wanderkorridore für die Wildkatze entstehen werden. Grundlegend hierfür sind die intensive und gute Zusammenarbeit mit allen am Planungsprozess Beteiligten, dem Vorstand der Teilnehmergemeinschaft, den Trägern öffentlicher Belange sowie allen anerkannten Naturschutzverbänden“, erklärte der Leitende Fachbeamte Mario Würtz vom Amt für Vermessung und Flurneuordnung des Landratsamtes Rastatt.„Die intensive Zusammenarbeit zwischen den Flurneuordnungsbehörden und dem BUND wird der Wildkatze dabei helfen, in Baden-Württemberg eine stabile Population zu entwickeln“, erklärte Frieß: „Jetzt sind wir in der Umsetzung eines wichtigen Teils des bundesweiten Rettungsnetzes einen Schritt vorangekommen, weitere müssen folgen.“ Auch das Land hat inzwischen einen mit dem BUND-Wildkatzenwegeplan abgestimmten Generalwildwegeplan erarbeitet, der in den Generalverkehrsplan integriert werden soll. „Künftig müssen alle wichtigen Verkehrsplanungsverfahren mit den Wildtierkorridoren abgeglichen werden. Hier ist die Landesregierung auf dem richtigen Weg“, lobte Frieß. Hintergrund: Die Wildkatze ist eine Charakterart für eine ganze Lebensgemeinschaft. Wo sie lebt, ist die Landschaft noch naturnah, unzerschnitten und waldreich. Die europäischen und deutschen Gesetze schreiben den Biotopverbund vor. Die Vernetzung der noch vorhandenen, intakten Lebensräume bedeutet eine Überlebenschance für die dort lebenden Arten. Der BUND bemüht sich bundesweit schon seit mehr als 20 Jahren um den Schutz der Wildkatze. Wichtige Projekte sind dabei die erfolgreiche Wiederansiedelung von Wildkatzen im Vorderen Bayerischen Wald, Spessart und Steigerwald durch den bayerischen Bund Naturschutz sowie das 2004 ins Leben gerufene Projekt „Ein Rettungsnetz für die Wildkatze“. 



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